Im Schatten einer Nacht
und der Vesuv raucht dazu



Nachwort

Mein Morgen

Zu meinem Morgen gehört das Lesen der Zeitung wie zum Mönch im Kloster die Betrachtung. Ohne eine Zeitung läuft ein Morgen nicht nur anders, sondern auch verklemmt an. Ich komme dann einfach nicht auf Fahrt; habe das Empfinden, eingesperrt und gar einsam zu sein.

Beim Zeitunglesen komme ich schon früh und langsam in die ganze Welt. Ich lese das, zu was mich eine Überschrift hinzieht. Ich las nie systematisch, sondern assoziativ; ich segle von Insel zu Insel, von Gedanke zu Gedanke. Alles stimuliert mich, Notizen zu machen, um aus diesen ein Gedicht werden zu lassen. So entstehen Morgen für Morgen Gedichte, Epigramme, Balladen oder Pensées.

Es gib Zeitungen oder Teile einer Zeitung, die Kurzgeschichten im Kopf wie von sich selbst enstehen lassen. So war etwa das Lesen vom Blick stets ein schöpferischer Start in den Alltag. Jede Geschichte drängte mich zum Schreiben einer Fortsetzung. Ich las alles aus meinem Chrais Chaib und kam so zu meinem Kreis 4+5 Kurzgeschichten. Diese waren jedoch niemals nur Eingebungen aus Zeitungen, denn eine gute Kleingeschichte muss etwas Erlebtes enthalten. Ich lief daher viel durchs Quartier, setzte mich hier und dort hin, hörte aus dem Hintergrund zu und vernahm Fortsetzungen vom Morgen oder bereits den Anfang einer neuen Geschichte.

Mein Leben besteht aus Geschichten. Dementsprechend lese ich, und so reise ich; immer bereit, von Gedichten und Geschichten überfallen zu werden. Ich schaue mich nicht nach Natur, um. Ja, ich verhalte mich anders. Schönheit besteht für mich nicht in der Natur sondern in einem Gedicht oder einer Geschichte. So wie ich ganz anders als andere reise, so lese ich auch anders, um meine Welt immer in neuen Geschichten zu beleben und erweitern.

Ich glaube nicht, dass dieses Verhalten bloss oberflächlich ist, denn es berührt mich, und ohne eine gewisse Betroffenheit könnte ich nicht schreiben. Das erkennt man auch an meinen Gedichten. Viele meinen, diese seien pessimistisch. Nein, das sind sie nicht – von mir aus gesehen; andere meinen, sie seien traurig, nein, sie sind auch das nicht, sie sind voller Anteilnahme, und diese Einstellung bedingt, dass ich in die kleinen und alltäglichen Tragödien einsteige und meine Gedichte und Geschichten Widerspiegelungen einer Welt sind.

So reise ich täglich in die weite Welt. Meine zwei Lieblingsschiffe bleiben bis heute die NZZ und Financial Times. Durch eine lange Zeit hindurch war es der Guardian, um mit ihm besser nach Afrika zu gelangen. Für viele Jahre, seit 1965, war es das einst so kolonial traditionsreiche Wochenmagazin West Africa. Werte störten mich kaum, denn ich wusste, dass so die Welt war und einer, der Geschichten schreibt, muss die anderen ernst nehmen, und das bedeutet selbst mit ihren Hirngespinsten und Vorurteilen. Geschichten und Gedichte hätten die ganze Geschichte hindurch mehr gebracht als eine ideologisch Glaubensauseinandersetzung oder gar der Versuch, andere durch Predigten und Reden zu bekehren. Menschen ändern sich nie direkt, sondern auf Umwegen.

Da ich jedes Land auf den zwei Kontinenten Afrika und Asien kenne, besuche ich also tagtäglich meine Heimaten, und das meine ich ernst, denn wer sich mit einer Geschichte oder einem Gedicht irgendwo eingelassen hat, der hat sich niedergelassen, und der erwirbt sich einen geistigen Pass und ein tiefes Gefühl, dort etwas von seiner Seele hinterlassen zu haben, und somit dort (auch) daheim zu sein.

Was soll mich da ein Himmel kümmern? Falls es den geben soll, dann müsste man hinfahren können, bestimmt nicht hin-lesen, denn die geistlichen Schriften sind derart langweilig und phantasielos, so dumm und primitiv, dass ich niemals dahin fahren will. Oder soll ich etwa die Dummheit oder Blödheit darum angehen, bei ihnen Heimat zu erlangen? Die mystischen Welten vergessen den Menschen, denn ohne ihn, existiert keine Welt. Sie sind daher flüchtig. Ich fahre zu Menschen, selbst wenn ich viele von ihnen vorerst nicht mag; ich muss ihnen also mit Gedichten oder Geschichten den Panzer entreissen, um unter die Haut blicken zu können. Und selbst das genügt oft nicht, denn diese verdammte Hautkrankheit hat sogar den Geist und auch das Herz infiziert. Wo aber setze ich denn an? Ich muss also in die Vorzeit zurück, an den Anfang, in die Welt des Es-war-einmal. Ja, ich habe die Geister zu suchen, ihre armen Seelen, und habe mit Gedichten wie mit den «Chröuali» des Rosenkranzes ins Leben zurückzuholen.
Jeder Morgen (ausser ein paar ohne Zeitungen) war also spannend und ein langsames Erwachen in die Welt hinein. Unter Welt fiel selbstverständlich auch die Nachbarschaft und somit die engere Heimat. Auch diese mochte ich ursprünglich nicht, bis ich überall Geschichten – und sogar dieselben wie anderswo – zu entdecken begann. In Amerika erst kehrte ich ins Napfgebiet zurück. In der Abgelegenheit einer semiariden Baumwollgegend Afrikas und ohne eine Morgenzeitung kehrte die Stadt Luzern kurz nach dem Weltkrieg zurück und ich schrieb in den drei Tagen der Abgeschlossenheit über 30 Gedichte mit Erinnerungen an Menschen, Gebäude und Strassen dieser Stadt.

Eines jedoch müssen die LeserInnen wissen. Diese schriftlichen Produkte sind wie Stenogramme; sie kommen einfach und schauen oftmals später beim Lesen ungehobelt aus. Soll man sie als Zeugnisse und nicht als Dichtung nehmen? Ist es eine eigene literarische Gattung? Man darf sie ruhig als Tagebuch-notizen charakterisieren.

Mich kümmert das nicht. Das ist mein Morgen; das ist meine Welt; das ist Teil meines Lebens.

Im Jahr 2006 habe ich jeden Morgen ein oder gar mehrere Gedichte nach dem Zeitunglesen geschrieben. Es sind meine Morgenbe-trachtungen.

2. Januar 2007

Gedichte mit Vor- und Nachwort
mit 5 Holzschnitten von Gerhard S. Schürch
Dendron · Fr. 28.-



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