Geschichten, Themen:

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Hörprobe aus CD-Timbuktu:
Markenkleber
Imaginärer Bahnhof
Hörprobe aus CD Arme Seelen fahren Schiff:
Regenmacher

Minigeschichten
Fax an Tote
Doppelt genäht hält besser

Al Imfeld mit Kora-Spieler Jobarteh Basuru

St. Galler Tagblatt 5. März 2003
Diplomfeier des FHS-Studienbereichs Soziale Arbeit in Rorschach mit Geschichten von Al Imfeld

Einmal nach Timbuktu

Die Fachhochschule St. Gallen verabschiedet 32 frisch diplomierte Absolventinnen und Absolventen des Studienbereichs Soziale Arbeit in Rorschach – mit phantastischen Geschichten des Schriftstellers Al Imfeld.

MARK RIKLIN

Timbuktu, Timbuktu. Immer wieder lässt Al Imfeld die drei Silben erklingen, sie andächtig in seinen Ohren zergehen. Als 5-jähriger Bub habe er das geheimnisvolle Wort zum ersten Mal gehört. Und sich eine ganz eigene Bedeutung zusammen gereimt: Tim, der spinnige Nachbar; Buk, dessen Familienname; und Tu, dessen Auto. Timbuktu. Nie habe er jemanden gefragt, was Timbuktu tatsächlich heisse, so sicher sei er sich über deren Bedeutung gewesen.

Mysteriöse Stadt
Lange sei Timbuktu sein Geheimnis geblieben, erzählt Schriftsteller Al Imfeld anlässlich der Diplomfeier des FHS-Studienbereichs Soziale Arbeit in Rorschach. Bis er das Wort auf einer amerikanischen Universität zum zweiten Mal gehört habe: Timbuktu, im 13. Jahrhundert die grösste Universitätsstadt der Welt, Knotenpunkt der wichtigsten Karawanenrouten des Mittelalters, Zentrum islamischer Kultur. Das unaufhaltsame Vorrücken der Sahara habe immer mehr Menschen wegziehen lassen, ihre Häuser dem Sand überlassen. Geblieben sei eine mysteriöse Stadt, die heute fast verschwunden sei, erst wieder ausgegraben werden müsse.
Timbuktu. Jahrhunderte lang beflügelte der Name dieser Stadt die Phantasie der Europäer. Hunderte von Forschern versuchten vergeblich, diesen Ort in der Saharawüste von Mali zu erreichen. So auch Afrikaexperte Al Imfeld, der sich immer wieder auf den Weg machte, Timbuktu mit eigenen Augen zu sehen. Immer wieder sei er in Afrika gewesen, in allen afrikanischen Staaten, doch bis heute sei es ihm nicht gelungen, den abenteuerlichen Ort aufzusuchen, trotz mehrerer Versuche: Freunde sprangen ab, Schiffe kenterten, der eigene Rücken versagte.

Mündliche Erzählkunst
Timbuktu. Eine von drei unveröffentlichten Geschichten, die Al Imfeld zum Besten gibt. Ein Stegreiferzählen, das die Zuhörerschaft fesselt durch die lebendige, jazzige Art des Erzählens. Ein Genuss, dem professionellen Geschichtenerzähler zuzuhören. Und zuzusehen, wie er den Bühnenboden abtastet, seinen Gang sinnierend unterbricht, das Tempo variiert, das Erzählterritorium erweiternd, soweit es die Verkabelung der Technik zulässt. Seine Gedanken scheinen nicht dem Gehirn sondern dem Bewegungsapparat zu entspringen, wenn er in die Knie geht, im Timbuktu-Rhythmus hüpft, hin und her wippt, vor und zurück schreitet. Ein Gedankengänger. Einer der selten gewordenen, vom Aussterben bedrohten Meister mündlicher Erzählkunst.
Eine Erzählkunst, die sich der Kultursoziologe gerade auch in der Sozialen Arbeit vermehrt wünschen würde. Menschen sehnen sich nach Geschichten, auch Erwachsene. Und manchmal haben sie gar heilende Wirkung, wie Imfeld aus seiner Nachtarbeit mit Prostituierten weiss. Sogenannt kleinen Leuten möchte er in seinen Geschichten ein Denkmal setzen, wie beispielsweise dem afrikanischen Markenkleber, der sich auf das Briefmarkenlecken spezialisiert hat, vom Leim und Trinkgeld lebt. Eine Art Biografiearbeit, ein prozesshaftes Lernen aus Geschichten, ein Heben verschütteter Schätze.

Ort der Sehnsucht
Von der neunköpfigen Showband Horny Roosters musikalisch umrahmt verabschiedet Prorektorin Monika Wohler 32 frisch diplomierter Absolventinnen und Absolventen des Studienbereichs Soziale Arbeit in die Praxis. Und auch der Handlungsreisende in Sachen Geschichten macht sich auf den Heimweg. Vermutlich irgendwo in Richtung Timbuktu, das ihn einfach nicht loszulassen scheint. Im Malariafieber sause es ihm immer wieder durch den Kopf, dieses Timbuktu, das er noch immer nicht gesehen habe. Diesen Ort der Sehnsucht, des Geheimnisvollen, Sagenumwobenen. Einen Ort, an dem man trotz aller Bemühungen nie anzukommen scheint. Und vielleicht sind wirklich glücklich jene, deren Träume nicht durch Erfüllung entzaubert werden.

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